#Selbstführung und Motivation – wie du tust, was du willst

Es gibt Menschen, die haben die Gewohnheit, spannende Zeitungsartikel als einzelne Seiten aufzubewahren mit dem Hintergedanken, dass sie diese vielleicht mal brauchen können. Fürs Weiterdenken, Diskutieren oder selber dazu etwas draus zu entwickeln. Ich gehöre zu ihnen. Und so ist es oft auch spannend, aus dem Wust der Blätter eines herauszuziehen. Welches, ist manchmal zufällig.

Gerade jetzt fällt mir der Zeitungsartikel von Roman Bucheli in der NZZ vom 13.4.2019 zu. Darin geht es um die Lebenskunst und dass wir es als Menschen darin wohl nie zur Meisterschaft bringen werden. Das könne auch ein Glück sein, meint er, denn: Wir seien als Menschen ja alle ein Mängelwesen. Und somit immer Anfänger und Anfängerinnen bis zuletzt.

Anfängerin zu sein hat auch Vorteile neben dem wohl wichtigsten Nachteil, dass vorallem in der eigenen Vorstellung das Problem lebt, noch lange zu brauchen bis zum Profi. Als Anfängerin hingegen darf ich auch noch ein paar Fehler machen und hoffen, dass ich von und aus ihnen mit zunehmendem Können auch ganz schön viel lerne. Trotzdem: Der Begriff Mängelwesen stört mich ein wenig.... ich assoziiere eine Werkstatt, wo die Wesen sich zur Reparatur hinbegeben müssen. Und wo ein Meister, eine Meisterin Hand anlegt, um den Mangel dann mehr oder weniger auszubügeln. Ich lasse meine Gedanken weiter kreisen. Jetzt mäandern sie um die Werkstatt als Idee. Nun gut, die Werkstatt als solches ist ja an sich nicht unnötig, im Gegenteil. Hier entstehen auch neue Dingen auf der Basis neuer Ideen. Wenn ich sodann auf Französisch denke, ist die Werkstatt das «l’atelier», was mir jetzt vom Klang her auch sehr sympathisch ist. Oder auf Spanisch «la maestranza», worin wieder die Idee der Meisterschaft steckt. Und sicher ist es in einer Werkstatt auch ganz anregend etwas selber zu tun. Zu tüfteln und zu verwerfen. Also, ich mag das ja immer wieder gerne tun, zum Beispiel in meiner eigenen Küche. Dann gibt es neue Gerichte, die oft Erfreuliches bewirken. Bleibt da noch der Begriff des Wesens: Das kann von Käfer bis Mensch ja alles Lebendige sein und bezeichnet etwas, was für diese Form der Ausgestaltung typisch ist. Demnach ist der Mensch also ein unvollkommenes, vielleicht aber ständig nach Vollkommenheit strebendes Wesen, das sich ab und an ringend um Erstrebenswertes in seinem Dasein kümmern muss, sich unter grossem Einsatz immer wieder entwickeln muss und vielleicht dabei auch gar nicht selten etwas ratlos wird oder sogar scheitert und neu anfangen muss. So einfach hat es das Mängelwesen also nicht in dieser Welt. Sonst wär es ja auch keins.

Vor meinem inneren Auge entsteht gerade eine eigenartige regenwurmähnliche Figur, wobei ich mich frage, woher ich dieses Bild habe. Doch nicht etwa vom Begriff Erdenwurm, was dichterisch gesehen gleichbedeutend ist mit dem Menschen als vergängliche und doch eher unbedeutende Kreatur!

Mein Selbstbild ist herausgefordert: Dem ewigen Anfängertum verhaftet und dann auch noch unbedeutend zu sein, ist ein gedanklicher Steilpass. Ein Perspektivenwechsel für die innere Balance in mir ist nötig.

Eigentlich finde ich die Vorstellung dieses Mängelwesens ja auch ganz spannend und im Grunde genommen auch gut, nicht nur, weil Regenwürmer bekanntlich massgeblich zur Bodenbildung beitragen und ungeheuer kräftig sein sollen.

Sondern auch, weil damit auch die Idee Platz findet, Spielraum entstehen zu lassen für die Erfindung neuer Wege, mit und in sich selber  - sozusagen in der eigenen Werkstatt sprich Geist und Seele, welche als Entität im Körper wohnen den eigenen  gesunden Boden zu schaffen. Fantasien, Gedankenspiele und Vorstellungen wie diese sind es oft, die zu Selbstführung anregen oder eben das Gegenteil bewirken.

Unsere Vorstellungskraft ist so beschaffen, dass wir uns lenken können, wenn wir etwas wollen. Dazu stellen wir uns die Dinge plastisch vor, überlegen Ziele und versuchen diese dann möglichst schlau zu erreichen.

Dabei sollten wir besser den Motivationsknopf in unserer Persönlichkeit ausfindig machen: Was wir von uns selber wissen durch Lebenserfahrung ist prägend und wenn wir’s nicht so genau wissen, kann es gut sein, dass wir kräftig sind und doch nicht das damit tun, was wir wollen. Weil wir nämlich oft nicht sehr bewusst wissen, von welchen Werten getragen wir unsere Taten vollbringen.

Kürzlich las ich etwas zum Thema Motivation von der bekannten Erfinderin des ZRM, Maja Storch: Auch sie ist auf den Wurm gekommen, und bei ihr ist er positiv konnotiert: Er symbolisiert das Bauchgefühl. Und hilft entscheidend beim Entscheiden, was wir wirklich wollen. Das Gute dran ist ausserdem, dass das Bauchgefühl untrennbar zu uns als Persönlichkeit gehört. Doch darauf zu hören, braucht oftmals beträchtlichen Mut. Weil wir eben doch etwas anders geprägt sind: Anpassung und Kooperation sind in unserem Wesen als Mensch stark ausgeprägt, was eben auch bedeuten kann, dass wir gerade aus diesen Gründen NICHT genau das tun, was wir wollen.  

Damit will ich nicht sagen, dass es sinnvoll ist, ab sofort nur noch auf der Egoschiene Einsatz zu zeigen. Aber sich zu fragen, wo ich das mehr tun kann, worauf ich Lust habe oder was mich tief innen auch freut, ist schon mal ein guter Anfang, denn damit kann ich schon fast ganz ohne Risiko selber für eine gewisse Stressreduktion sorgen. Maja Storch meint, dass es am idealsten ist, wenn so geschätzte zwei Drittel des Lebens in der Selbstregulation stattfinden. Dann ist man motiviert und stimmig unterwegs. Und freut sich des Lebens. Auch als Mängelwesen.

Wenn ich das so Gedachte etwas setzen lasse, stelle ich fest, dass mir zwei Drittel ganz machbar vorkommen. Perfektionismus ist dabei also schon mal nicht mit von der Partie. Zum Glück, dennoch wird einem wohl eine gewisse hochindividuelle Arbeit im Sinn von Selbstbefragung und der Offenheit gegenüber dem ständigen Experiment nicht erspart, weil von nichts bekanntlich nicht viel mehr kommt. Vielleicht ist gerade dieses Suchen unumgänglich als Mängelwesen und demnach vielleicht sogar unsere Chance, graduell mehr das zu tun, was uns freut. Selbstführung wäre damit auch stark verbunden mit der Vorstellung, sich die Freude am Sein zu selber schaffen zu wollen und auch in der Lage dazu zu sein. Das ist persönliche Entwicklung, egal ob als Anfängerin oder Profi.

Dass es bei der Persönlichkeitsentwicklung nicht um Vergleiche mit anderen Persönlichkeiten gehen kann, ist wichtig. Dass wir dennoch ständig vergleichen, ist vermutlich trotzdem wahrer als mir lieb ist. Also vergleiche ich mich besser mit mir selber, und finde das Bild des Wurms auf einmal doch ganz stimmig. Weil er mich jetzt auf einmal mehr an mich als Bücherwurm erinnert. Und so sehe ich mich auch immer wieder gern. Dieser Gedanke wiederum passt ganz gut zur aktuellen Lektüre. Der Titel: Mach, was du willst! Design Thinking fürs Leben von Burnett/Evans. Für mich als Mängelwesen grade ein sehr inspirierendes Buch!